Jahre der Reife

»Ebenso wie Schönheit in den Augen des Betrachters liegt, handelt es sich beim Essen und Trinken um höchste individuelle Geschmacksfragen«. Weinkritiker und Weingutsbesitzer Armin Diel über Weinkultur.

Zunächst steht für mich die Frage im Vordergrund, ob ich den jeweiligen Wein als Solist oder zu einer speziellen Speise genießen möchte. Obschon es in vielen Anbaugebieten der Welt großartige Weine gibt, bevorzuge ich deutsche Weißweine, insbesondere Riesling, sowie Rotweine aus Bordeaux, Burgund und Piemont. Und natürlich Champagner!

Der passende Wein

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die meisten Weinliebhaber insbesondere für die guten Jahrgänge interessieren. Meine Erfahrung sagt mir aber, dass selbst vermeintlich kleinere Jahrgänge ihren besonderen Reiz haben können. Beim deutschen Riesling bin ich ausgesprochen heterogen veranlagt: Ich mag sowohl durchgegoren-trockene Weine, aber auch feinherbe und edelsüße Varianten, letztere vor allem, wenn sie einige Jahre der Reife genossen haben.

Zum sommerlichen Picknick schlage ich gern einen einfachen Rosé vor, weil er zu verschiedensten Viktualien gut passt. Roséweine waren lange Jahre völlig out und erleben erst in den letzten Jahren eine gewisse Renaissance. Voraussetzung ist für mich aber, dass es sich um einen sorgfältig vinifizierten Tropfen handelt und eben nicht um ein Abfallprodukt der Rotweinproduktion. In der kalten Jahreszeit hingegen trinke ich gerne einen Burgunder oder Bordeaux zu den schwereren Speisen.

Als traditionellen Weintrinker locken mich hingegen weder außergewöhnliches Flaschendesign noch Künstleretiketten so leicht hinter dem Ofen hervor. Letzteres Thema ist übrigens durch den Kult-Rotwein von Mouton-Rothschild bestens abgedeckt: Philippine de Rothschild bittet jedes Jahr einen weltberühmten Künstler um die Gestaltung ihres Etiketts, in der Vergangenheit etwa Picasso, Miró, Chagall, Andy Warhol oder Keith Haring.

Wer Weine liebt

Für einen Weinliebhaber wie mich gibt es natürlich auch immer besondere Ereignisse, bei denen die Kosten im Hintergrund stehen. So laden wir alljährlich in der ersten Septemberwoche einen berühmten Winzer aus Bordeaux oder Burgund ein und stellen gemeinsam unsere Weine vor. In dieser Form ein in Deutschland einzigartiges Ereignis. Dabei geht es natürlich nicht um Konkurrenz. Wir haben ja völlig unterschiedliche Weine.

Zehn Jahre lang hatten wir jeweils einen berühmten Winzerkollegen aus Bordeaux zu Gast. Von Château Pichon-Longueville bis hin zu Chateau Angélus, von Chateau Figeac bis zu Chateau Cos d´Estournel. Vor zwei Jahren haben wir mit einem Burgund-Zyklus begonnen, im nächsten Jahr geht es weiter mit der berühmten Domaine Rousseau aus Gevrey-Chambertin.

Gemeinsam mit dem Gast-Winzer findet am Samstagnachmittag  für geladene Gäste eine kommentierte Verkostung bei Johann Lafer auf dessen Stromburg statt, ganz in der Nähe unseres Weinguts in Burg Layen. Am Abend kocht dann der berühmte Fernsehkoch persönlich für unsere Gäste auf: Ein fünfgängiges Menu. Dazu gibt es Weine aus den Schatzkammern der beiden Weingüter. Am nächsten Tag findet dann eine Vertikal-Verkostung von zehn Jahrgängen aus dem berühmtesten Weinberg des jeweiligen Gastwinzers statt. Im kommenden Jahr ist es der legendäre Grand Cru aus der Lage Chambertin – übrigens einer der Lieblingsweine von Napoléon. Das ist die große Weltliga des Weines.

Der Weinverschluss

Beim Weinverschluss steht für mich die Frage im Vordergrund, welcher Verschluss meinem Wein die besten Entwicklungsmöglichkeiten verschafft. Das ist ganz klar der Naturkork. Umso besser, wenn man außerdem noch ein gutes Gewissen haben kann, weil die Ökobilanz des Naturkorks jedem anderen Verschluss deutlich überlegen ist.

Bis vor zehn Jahren war der Naturkork bei Herstellern und Händlern durchweg ein Ausdruck von Tradition und Qualität. Dies wurde erst durch eine hohe Fehlerquote von bis zu 15 Prozent in Frage gestellt. So haben wir im Schlossgut Diel in kleinerem Umfang Versuche mit dem Schraubverschluss und dem so genannten Glasstopfen gemacht, aber keine wesentlichen Vorzüge erkennen können. Da sich die Qualität der Naturkorken in den letzten Jahren wieder deutlich verbessert hat, denken wir nicht mehr über Alternativen nach.

Angesichts eines preislich sehr umkämpften Marktes sind jedoch viele Abfüller auf deutlich preiswertere Verschlüsse wie Kunststoff und Drehverschluss ausgewichen. Vor allem in Australien und Neuseeland ist der Schraubverschluss besonders hip. Auch in Großbritannien und den Niederlanden sind alternative Verschlüsse inzwischen sehr verbreitet. In Großbritannien gibt es inzwischen mehr Kunden, die einen Wein im Supermarkt nicht kaufen, weil er mit einem Naturkork verschlossen ist als solche, die einen Wein wegen des Screw Top ablehnen. Für den Verschluss von Alltagsweinen, die innerhalb der ersten ein bis zwei Jahre konsumiert werden, gibt es dafür vielleicht sogar halbwegs vernünftige Argumente.

Der Schrauber wird sich aufgrund seines günstigen Preises vermutlich als probater Verschluss für Alltagsweine etablieren, die zum alsbaldigen Genuss bestimmt sind. Auch, weil man kein kompliziertes technisches Instrument wie den Korkenzieher benötigt, um die Flasche zu öffnen und sie anschließend auch wieder sauber verschließen kann.

Der Glasverschluss genießt vom Image her zwar einen recht guten Ruf, jedoch ist er technisch noch nicht wirklich ausgereift. Er wird sich vermutlich aus Kostengründen nicht durchsetzen, weil er ähnlich teuer ist wie ein guter Naturkork.

Apropos, Preis: Der Plastikstopfen ist zwar entschieden billiger, jedoch entwickeln sich damit verschlossene Weine erfahrungsgemäß ungünstig, weil sie aufgrund einer höheren Luftdurchlässigkeit vergleichsweise schnell oxidieren. Mitunter sollen derart verschlossene Weine sogar nach Kunststoff schmecken.

Gottlob hat die Korkindustrie in der Zwischenzeit ihre Hausaufgaben gemacht und die Qualität wieder deutlich verbessert, sonst wäre ihre Existenz wohl dauerhaft gefährdet gewesen. Schließlich spielt die Wertigkeit beim Naturkorken eine sehr wichtige Rolle, und ich bin davon überzeugt, dass Weinkenner in Zukunft noch mehr darauf achten werden, dass die besten Weine mit nichts anderem als einem hochwertigen Korken verschlossen sind.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein großer deutscher Riesling oder Rotweine aus Burgund und Bordeaux je mit etwas anderem als einem hochwertigen Naturkork verschlossen sind. Dass ein hochwertiger Wein mit einem guten Naturkork verschlossen ist, zählt für mich zu den Selbstverständlichkeiten unserer Trinkkultur.

Mut zum Geschmack

Ich möchte Weinliebhaber dazu ermutigen, sich auf ihren ganz persönlichen Geschmack zu verlassen und nicht vermeintlichen Trends hinterherzulaufen. Wer unsicher ist, sollte sich von einem seriösen Weinhändler beraten lassen. Ein hoher Preis ist übrigens keineswegs eine Garantie dafür, dass einem der jeweilige Wein auch schmeckt. Und es gibt mitunter erstaunlich preiswerte Weine, die überraschend gut schmecken, bei denen man ein echtes Schnäppchen machen kann.

Hingegen begegnet man leider auch immer wieder horrend teuren Flaschen, die enttäuschend sind. Am Ende verlässt man am besten auf den eigenen Geschmack.

Armin Diel liebt Kork

Armin Diel liebt Kork

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